Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit - Deutsch-Türkische Beziehungen [Druckversion]




Deutsch-Türkische Beziehungen


Die Teilnehmer einer internationalen Konferenz analysierten die Umsetzung der türkischen Demokratiereform im Beitrittsprozess zur EU.




Ezard Reuter, Prof. Dr. Lichtenberg

In Zusammenarbeit mit dem Europäischen Gemeinschaftsinstitut der Marmara Universität unterstützt die Friedrich Naumann Stiftung in Istanbul den politischen Diskurs zum EU-Beitritt der Türkei.

Die internationale Konferenz zum Thema „Die Europäische Union und die türkisch-deutschen Beziehungen“ zielte darauf ab, die Umsetzung der türkischen Demokratiereform im Beitrittsprozess zur EU einer kritischen Analyse zu unterziehen. In dieser hochrangigen Veranstaltung, an der sich auch die Bremer Universität beteiligte, setzten sich Wissenschaftler, Diplomaten und Journalisten besonders mit dem Wertewandel in der Türkei und den Entwicklungen des gegenseitigen Images auseinander.

War bis zum Dezember 2004 der Schwerpunkt der türkischen Außenpolitik darauf ausgerichtet, die Aufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen zu erreichen, so ist mit Beginn der Beitrittsverhandlungen im Oktober letzten Jahres dieses Ziel realisiert worden. Seither konstatiert die türkische und internationale Presse eine Verlangsamung der Reformschritte zum EU-Beitritt und damit den Beginn einer EU Müdigkeit. Sowohl in den EU-Staaten als auch in der Türkei macht sich insbesondere bei konservativen Bevölkerungskreisen Skepsis gegenüber der EU-Erweiterungspolitik breit. Sowohl in der EU als auch in der Türkei nimmt die publizierte öffentliche Meinung zunehmend gegen einen EU-Beitritt Stellung. Das gegenseitige Image ist ein wichtiger politischer Faktor geworden. Leider beruht es stark auf subjektiven Eindrücken und Informationsdefizite können das Image erheblich beeinflussen.

Die Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei bleiben weiterhin ein entscheidender Faktor für die demokratische Transformation des Landes. Dennoch gibt es erhebliche Differenzen bei der Einschätzung des Modernisierungstempos.

Im Rahmen der Veranstaltung wurde insbesondere durch den eindrucksvollen Beitrag von Edzard Reuter deutlich, welche entscheidenden Beiträge deutsche Gelehrte und Wissenschaftler für die Modernisierung der türkischen Gesellschaftsordnung geleistet haben.

Professor Alleweldt von der Europauniversität Frankfurt (Oder) würdigte in einem kritischen Beitrag die Entwicklung der Menschenrechtslage in der Türkei. Aus literaturwissenschaftlicher Sicht resümierte Professor Kühlmann von der Universität Heidelberg die deutschsprachige Literatur türkischer Autoren, die sich kritisch mit der Entwicklung ihres Heimatlandes auseinandersetzen. Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Çoşan von der Marmara Universität analysierte Wirkungen des Feindbildes „Türken“ in der deutschen Volksdichtung seit der Reformation, die entscheidend die Türkenangst in Mitteleuropa geprägt hat.

Den neuesten Stand zu den vielfältigen Schritten türkischer EU-Beitrittspolitik erläuterte Volkan Bozkır, der türkische Botschafter bei der EU in Brüssel. Er verwies darauf, dass die türkische Beitrittspolitik in ihrer Dynamik ungebrochen sei, sich allerdings mit innenpolitischen Problemen bei der Implementierung weiterer Modernisierungsschritte auseinanderzusetzen habe. Dabei verdeutlichte er die Perspektiven zur Lösung des Zypernkonflikts und deutete Kompromisslinien an, mit denen dieses für den türkischen Nationalismus wichtige Problem einer Lösung näher gebracht werden könnte.

Insgesamt wurden damit vielschichtige Facetten deutsch-türkischer Beziehungen über die Jahrhunderte beleuchtet und hinsichtlich ihrer zeitgenössischen Wirkungen diskutiert.

Die Studentenschaft der Marmara Universität und insbesondere die Doktoranden des Europäischen Gemeinschaftsinstituts beteiligten sich intensiv an der mit großer Offenheit geführten Diskussion, die auch sensible Themen nicht aussparte. Insgesamt war die Veranstaltung von einem liberalen Geist geprägt, in dem kontroverse Positionen angesprochen wurden, mit dem Ziel, im Dialog konstruktive Lösungsmöglichkeiten zu suchen.

Dr. Manfred Ziemek




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