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"Geteilte Geschichte(n)” – ein Weg aus der Sackgasse?

Shared Histories II: Zionism and Palestinian Nationalism, Istanbul, 05.-07.05.2006

Anfang Mai trafen sich in der Metropole am Bosporus ca. 30 israelische und palästinensische Historiker, Politologen und Journalisten zum Workshop "Shared Histories II", die Fortsetzung einer 2002 auf Zypern begonnen Gesprächsreihe. Das Projekt beruht auf einer Kooperation der Friedrich-Naumann-Stiftung, Büro Jerusalem, mit dem israelischen Yakar Center for Social Concern und dem Palestinian Center for the Dissemination of Democracy and Community Development (Panorama).


v. l. n. r.:
Michael Polonsky, Bettina Malka-Igelbusch, Eshel Klinhouse, David Harman, Hans-Georg Fleck, Jeff Helsing




Die Diskussion konzentrierte sich diesmal auf die Phänomene des Zionismus und des palästinensischen Nationalismus sowie auf die Frage, ob ein besseres Verständnis der jeweils anderen Geschichtsperzeption letztendlich einen Weg aus der Sackgasse des israelisch-palästinensischen Konflikts weisen kann. Der Workshop erhob nicht den Anspruch, die unterschiedlichen Perspektiven – gespeist aus dem individuellen Verständnis der historischen Fakten und gemischt mit kollektiven Mythen - einander annähern oder gar angleichen zu wollen. Er sollte nur zu einem empathischen wechselseitigen Verständnis beitragen - ein Ziel, dem die Teilnehmer in drei Tagen intensiver Diskussion ein Stück weit näher gekommen sind, wenngleich es sicherlich Aspekte gibt, die für beide Seiten noch immer weitgehend mit Tabus belegt sind und es vermutlich auf absehbare Zeit bleiben werden.

Die Vorträge des Treffens behandelten Kernfragen des Konflikts, wie die Legitimität des Anspruchs beider Seiten auf das Land Israel/Palästina, den Konflikt um die heiligen Stätten, die Entwicklung von Einstellungen zur jeweils "anderen Perspektive" des historischen Prozesses und die historischen und psychologischen Schatten, welche der Holocaust bei den Juden und die Naqba ("Katastrophe“) bei den Palästinensern hinterlassen haben und wie sich diese nationalen Traumata auf die Entwicklung des Staates Israel respektive der palästinensischen Nationalbewegung ausgewirkt haben. Die Ereignisse des Jahres 1948, also besonders die Gründung des Staates Israel und die Vertreibung/Abwanderung der arabischen Bevölkerung, gehören in der öffentlichen, aber auch in der Workshop-Diskussion zu den am heftigsten umstrittenen Aspekten des Konflikts. Anders als beim Treffen im Jahre 2002 war diesmal den Konzepten zur Verbreitung und Weitervermittlung der Inhalte des Workshops und ihrer Weiterentwicklung breiter Raum gewidmet. Die dort vorgebrachten Anregungen reichten vom traditionellen Mittel der Tagungspublikation über die Durchführung weiterführender Veranstaltungen mit größerem Publikum bis hin zur Entwicklung gemeinsamer Curricula für den Schulunterricht und gemeinsamer Vorlesungen/ Seminare an Universitäten, welche jeweils beide Geschichtsverständnisse vermitteln sollen. Man war sich einig, dass die Diskussion – wenn sie denn Früchte tragen soll - nicht das Privileg einiger ausgewählter Wissenschaftler bleiben darf.


Vordere Reihe (sitzend) v. l. n. r.: Jeff Helsing, Rabbi Michael Rosen, Said Zeidani, Dalia Ofer, Carmelita Lee, Tamar Hermann
Hintere Reihe (stehend) v. l. n. r.: Ahlam Abbassi-Ghanem, As'ad Ghanem, Hans-Georg Fleck, Benjamin Pogrund, Paul Scham, Yousef Natshe, Yitzhak Reiter, Yasser Abu Khater, Ilan Troen, Walid Salem, Eshel Klinhouse, Yosef Gorny, Michael Polonsky, David Harman, Roni Stauber, Moshe Maoz.




Den Abschluss der Tagung bildete die Debatte um die Möglichkeit der gegenseitigen Anerkennung und/oder Versöhnung vor dem Hintergrund der rivalisierenden historischen Perspektiven. Der palästinensische Referent dieser Sitzung, der einzige Vertreter der Politischen Philosophie unter den Teilnehmern, begann seine Ausführungen mit einer sehr persönlichen Schilderung, wie er als Kind die ursprünglich großelterlichen Felder, die vom jungen Staat Israel konfisziert und einem Dorf jüdischer Einwanderer aus dem Jemen übertragen worden waren, in den Sommerferien mit Schulfreunden für ein Taschengeld bestellte. Er bezweifelte, dass es einen Weg gebe, die schmerzlichen historischen Erfahrungen und die daraus resultierenden, diametral entgegen gesetzten Perspektiven beider Seiten miteinander zu versöhnen. Vielmehr müsse man in die Zukunft schauen und versuchen, ungeachtet der historischen Rivalitäten eine praktikable und für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden. Man kann allerdings bezweifeln, ob ein Konflikt, in dem beide Parteien die Legitimität ihres Anspruchs auf ein und dasselbe Territorium aus der Geschichte schöpfen, sich wirklich lösen lässt, indem man die historische Grundlage auszuklammern versucht.

Die Diskussionen waren lebhaft und wurden zuweilen mit großer Emotionalität geführt. Oft kamen schmerzliche, persönliche Erinnerungen zur Sprache, insbesondere in der Diskussion um die Ereignisse und die Auswirkungen von Holocaust und Naqba. Die Feststellung eines der palästinensischen Referenten, dass die Ereignisse des Holocaust ja nun Geschichte seien, die Naqba dagegen bis in die Gegenwart andauere, wurde von einer israelischen Referentin leidenschaftlich mit dem Argument gekontert, dass sie als Tochter von Holocaust-Überlebenden immer noch jedes Mal in Panik gerate, wenn der Kühlschrank einmal halb leer sei, und dass es in Israel tausende Nachkommen von Holocaust-Überlebenden gebe, die das häufig unverarbeitete Trauma ihrer Eltern und Großeltern tagtäglich mit sich tragen. Dass das von vielen Außenstehenden oft mit Unverständnis als "Sicherheitsfanatismus"“ betitelte ausgeprägte Bedürfnis der Israelis nach Sicherheit zu den wohl schicksalhaftesten Auswirkungen dieses nationalen Traumas gehört, braucht kaum betont zu werden.

Die Offenheit der Referenten und Diskutanten war vielfach bemerkenswert, genauso wie die Bereitschaft der überwiegenden Mehrheit der Teilnehmer, die oft ‚schwer verdaulichen’ Beiträge und Argumente der anderen Seite gelten zu lassen ohne zu versuchen, die darin liegende persönliche Wahrheit ihrer Vertreter zu schmälern oder gar zu verleugnen. Dies ist sicherlich eine der wichtigsten Errungenschaften der Veranstaltung.

Insgesamt ist die Veranstaltung sicherlich als Fortschritt – wenn auch in sehr begrenztem Rahmen - im israelisch-palästinensischen Dialog zu werten. Nun gilt es, die Diskussionsgrundlage zu erweitern und ihre Inhalte einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Hierin sieht die Friedrich-Naumann-Stiftung eine ihrer dringlichen Aufgaben in unmittelbarer Zukunft.


Bettina Malka-Igelbusch

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